Lo que no‘ contamo‘ (Streichquartett N°2)

 

Lo que no‘ contamo‘

Streichquartett Nr. 2

Das Streichquartett wurde durch den Flamenco angeregt, den ich während meines Spanien-Aufenthaltes studieren konnte. Die Flamencoelemente, die in einer sehr freien und transformierten Art und Weise benutzt werden sind: eine melancholische Melodie, einige Gitarrengesten, starke Emotion und ein rapider Wechsel von Expression, Dynamik oder Verdichtung.

Eine Achse des Stückes bildet eine melodische Linie (eine wiederholte Folge von großer und kleiner Sekunde), die im ersten Teil des Stückes in fragmentierter Form jeweils länger und höher auftaucht und die im zweiten Teil in reiner Stimmung gespielt wird. Diese Melodielinie wird zumeist Note für Note für alle vier Instrumente ausgedehnt. Bei den schnellen Abwärts-Glissandi versuche ich ein stimmliches Vibrato zu erreichen.

Einige erweiterte Spielweisen habe ich eigenhändig mit Streichinstrumenten ausprobiert: Die Geigen und die Viola, die in Gitarrenhaltung gespielt werden, das Zupfen und Gleiten, der Gebrauch der „scoradtura“, das Spiel auf offenen Saiten, Pizzicato in allen Bereichen des Instruments (gewöhnliches Pizzicato, Pizzicato hinter dem Finger der linken Hand, Pizzicato hinter dem Steg, Pizzicato am Wirbelkasten, gleichzeitiger Bogenstrich und Pizzicato mit der linken Hand), ebenso eine Art von „rasgueo“, ein verdichtetes gitarrenartiges Arpeggio.

Ich spiele mit Tempo-Kontrasten (gleichmäßiges Tempo, accelerando vom halben Tempo zum Haupttempo, ritardando vom Haupttempo zum halben Tempo und danach subito Atempo). Ich versuche Momente tonaler Stabilität mit Momenten von Instabilität (lange Glissandi) auszugleichen. Die „scordatura“ ermöglicht den Gebrauch der reinen Stimmung  oder der offenen Saiten, die sich gegenseitig zu einer melodischen Linie vervollständigen, die „scordatura“ gibt einige Akkorde um einen siebtel oder neuntel Ton vermindert wieder. Es erlaubt ebenso einen vereinfachten Fingersatz der gestrichenen Akkorde. Die offen gestrichenen Akkorde und die gegriffenen Akkorde verwende ich mehr als Klangobjekte oder „mixturas“, denn als Harmonien.

In einigen meiner früheren Stücke benutzte ich Elemente, die aus „anderer“ Musik stammen, beispielsweise Elemente aus dem balinesischen Gamelan („Shiny or Shy“ für Orchester), die Stimmbehandlung im japanischen Theater („Nôise” für Orchester) oder die Stimme einer alten kaledonischen Frau, die ein Wiegenlied singt („Sinuous Voices“ für Ensemble). Eine ausgefeilte Arbeit an der Klangfarben, den musikalischen Gesten und der Instrumentation überführt diese Elemente in einer Art und Weise, bei der der Hörer sie nicht mehr unmittelbar erkennen kann.

(Übersetzung aus dem Englischen: Bernd Künzig)

Lo que no‘ contamo‘ (Streichquartett N°2)