Jardin Perdu

 

Jardin Perdu für drei Stimmen und Orchester (2006)

(2 sopranos, 1 counter-tenor, 4 fls, 4 cls, 4 hns, 3 trpts, 3 trbns, tba, 4 perc., pno, harp, 2 vn, 2 vle, 2 vcli, cb)
Premiered 27 October 2006, Paris Conservatory (CNSMDP), orchestre des Lauréats du Conservatoire (OLC), ensemble l’Instant donné
Voices: Claire Pigeot, Landy Andriamboavonjy, Mickaël Mardayer
Conductor Zsolt Nagy
Ondrej Adamek

„Écoute le battement de coeur de la terre!“ heißt es in Ondrej Adameks Jardin Perdu. Der „verlorene Garten“ ist ein Ort, an dem man das Herz der Erde schlagen hört. Als großes Naturbild hat Adamek seinen opulenten Garten gestaltet, fast erinnert das Stück an die opulente Landschaftsbilder des 18. Jahrhunderts. Es wuchert und rauscht in diesem Garten, der wie ein Naturereignis über den Hörer hineinbricht und der dennoch etwas Unwirkliches, Traumverlorenes bewahrt.

Ohne explizit auf die Genesis anzuspielen, erzählt Adamek die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies. Die ursprüngliche Verbundenheit mit der Natur, dass wir das Herz der Erde schlagen hören, gerät nach und nach in Gefahr. Die Abschnitte des Werkes heißen in freier Übersetzung:

I. Garten 1
II. Fülle – Atemnot 1
III. Garten 2
IV. Gedränge – Atemnot 2
V. Garten 3
VI. Rost/Baumfraß
VII. Maschinen

Während die Zeit der Fülle („Abondance“) sich noch in üppigen Klanggestalten niederschlägt, gerät die Welt in den Zeiten des Gedränges („La Foule“) bereits aus dem Gleichgewicht: „Schlage alles nieder, was sich niederschlagen lässt.“ In Rost/Baumfraß ist das Gleichgewicht zwischen dem Menschen und der Natur bereits aus den Fugen. Die Steine rosten und der See zerbricht. Am Schluss („Machines“) dominieren Hämmer, Beton und Kabel – die Technik überwuchert und übertönt die Natur.

Adameks Jardin Perdu für zwei Soprane, Countertenor und Orchester ist ein ökologisches Stück, dass nicht anklagt oder gar betroffen daherkommt, sondern vielmehr die Geschichte einer Unausweichlichkeit erzählt. Die Geschichte der Natur selbst wird hier zu Klang. Angesichts des groß besetzten Orchesters und der aufgewandten Technik, zu der neben 12 Mikrofonen und 4 Lautsprechern auch ein MIDI-Klavier und ein Computer gehören, ist eine einfaches „zurück zur Natur“ nicht vorstellbar. Trotzdem ist das Bild, das Adamek zeichnet, ein düsteres. Nicht nur für die Natur, auch für den Menschen scheint am Ende des Werkes kein Platz mehr zu sein.

Adamek, der in Prag und Paris studierte, hat in vielen seiner Werke eine ganz unmittelbaren Zugriff auf unsere Lebenswirklichkeit gefunden. Das können Klangimitationen sein, wie der Staubsauger, der den Anfang seines Stück B-low Up (2009-10) prägt, oder der menschliche Atem in dem elektronischen Stück Un souffle, une ordre, un rien (2001). In Jardin Perdu findet Adamek eine Synthese aus Naturklang, mimetischer Einfühlungen und den Techniken der Avantgarde, die dem Stück etwas über seine Epoche Hinausweisendes verleiht.

Björn Gottstein

Jardin Perdu